19.01.2018

Heute ist ein schrecklicher Tag. Ich weiß nicht, wann ich mich das letzte Mal so gefühlt habe. Dabei habe ich mir geschworen, mir das alles nie wieder anzutun. Heute ist ein Tiefpunkt. Vielleicht auch ein Wendepunkt?

Wann ist aus dem aufgeweckten, extrovertierten Mädchen das geworden, was mich jetzt erschöpft aus dem Spiegel anschaut? Die junge Frau, so sagt es jedenfalls die Zahl auf meinem Ausweis, die nichts mehr auf die Reihe bekommt?

Gestern war ich bei meinem Psychiater. ,,Es macht mich stutzig, dass bei Ihnen nichts anschlägt, weder die Antidepressiva noch die Gesprächstherapie. Dabei hat diese Kombination eine Durchschlagskraft von 95% bei Panikstörungen.“ Er möchte jetzt ein Bild von meinem Gehirn machen und hat die gefühlt zehnte Untersuchung meiner Schilddrüse angeordnet.
Tief im Innern weiß ich, dass auch das keine neuen Erkenntnisse liefern wird. In einem meiner vergangenen Beiträge habe ich mich gefragt, wie man die Angst jemals als etwas Positives auffassen soll. Heute, glaube ich, habe ich die Antwort gefunden.
Es ist, als sei in mir eine unaufhaltbare Kraft, die sich dagegen wehrt, mich das tun zu lassen, was ich im Moment mache. Ich weiß nicht einmal für wen ich es mache. Für meine Familie? Der ich mit meiner Krankheit nur Kummer bereite und aufgrund der Ängste nur spärlich besuchen kommen kann. Meinen Freunden? Von denen ich weiß, dass sie, komme was wolle, hinter mir stehen und die immer wieder selbst unter meiner Krankheit leiden. Für mich? Diese Antwort erübrigt sich offensichtlich.

Heute habe ich es mir eingestanden. Ich hasse mein Studium. Abgrundtief. Es macht mich kaputt. Ich fühle mich überfordert und unterfordert gleichzeitig. Ich hasse die Stadt.
Zwar bin ich ein kleines Sensibelchen, aber das ist in Ordnung. Daran kann ich nichts ändern. Und ich weiß, dass ich unter den richtigen Bedingungen in den schönsten Farben aufblühen kann. Unter den falschen jedoch, verrotte ich langsam und schmerzhaft.
Natürlich war da schon vorher etwas. Aber als ich mich für dieses Studium entschieden habe, habe ich nicht in meinem Sinne, sondern im Sinne der Angst gehandelt. Ich gab ihr meinen kleinen Finger und sie nahm mich mit Haut und Haar.
,,Du bist so mutig und stark, zieh es durch“, sagen sie. Doch das wäre nicht mutig und stark. Das wäre feige und schwach. Wahren Mut hätte ich bewiesen, wenn ich schon viel früher die Reißleine gezogen hätte. Um das zu tun, was ich kann, was mir Spaß macht. Entgegen aller Vernunft. Denn jetzt bin ich, um es im Deutsch meiner Dozenten zu formulieren, am Peak meiner Issue. Anders gesagt: ich bin am Arsch.
Es ist so, als würde man jemandem mit Lungenkrebs empfehlen, unbedingt weiter zu rauchen.
Da hilft kein Escitalopram, kein Venlafaxin und kein Lorazepam. Da hilft keine Konfrontation mit der Autobahn oder dem Flugzeug, sondern nur die mit mir selbst.

Ich will schreien
1000 Mittelfinger in die Luft halten und
Rennen rennen rennen
In den Schnee
Fühlen
Ich will kotzen
Ich.Will.(Kann.)Das.Nicht.Mehr.

Ich weiß nicht was ich tun soll, aber ich weiß, dass ich aufhören muss, gegen mich selbst zu kämpfen. Ich weiß nicht, wie es weiter geht, aber so auf jeden Fall nicht.

“You get depressed because you know that you’re not what you should be.”

– Marilyn Manson

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Fuck you, Soul

    It matters not how strait the gate,
    How charged with punishments the scroll,
    I am the master of my fate:
    I am the captain of my soul.

    – William Ernest Henley

Seit etwa zwei Wochen starren mich diese Zeilen aus dem Gedicht ,Invictous‘ von meinem Handy an. Und mir gefällt das Gedicht wirklich sehr. Doch einst als motivierender Sperrbildschirm gedacht, wurden sie mehr und mehr zu einem ständigen Vorwurf. Wann immer ich das Handy entsperre, um voller Furcht wichtige E-Mails zu empfangen, Körpersymptome zu googeln, oder nach Lebensmitteln zu suchen, die den Serotinspiegel erhöhen (oh man), musste ich einsehen: I am not the captain of my soul. Wenn dann is the soul my captain. Oder my dictator.

Ich bin derselbe Mensch, im selben Körper, der vor nicht mehr als drei Jahren noch vor Lebensfreude sprühte, die Welt bereisen wollte, immer mutig und schlagfertig war, und dafür belächelt wurde, mindestens zehn Mal am Tag ,,Das Leben ist schön!“ zu sagen.

Heute wandle ich durch meinen Alltag, es ist als wäre ich ständig im Stromsparmodus,  doch mein Akku ist trotzdem nach einer Stunde leer. Mindestens zehn mal am Tag schleicht sich der Gedanke ,,Ich hasse mein Leben“ in meinen Kopf und bei jeder Gelegenheit durchzieht mich ein ekliger Schmerz. Und den findet meine Seele in allem. Wenn ich ein glückliches Familienfoto sehe, spielt sich vor meinem inneren Auge der Moment nach der Aufnahme ab, ich sehe wie die Mundwinkel nach dem ,,Cheese!“ wieder nach unten gehen. Wenn ich alte Omas sehe, die fröhlich gemeinsam einkaufen gehen, tun sie mir Leid: ist das alles, was ihnen noch Freude bereitet (selbst wenn? ist doch schön)? Wenn ich eine gestresste Mutter mit Kinderwagen sehe, denke ich an den Schmerz, den die Frau wohl beim Alleingelassenwerden gefühlt haben muss und wie niemand sieht, wie viel Last sie auf sich trägt.

Ohne zu wissen, ob diese Familie auf dem Foto tatsächlich Happy Family ist, die Omas beim Einkaufen anschließend ins Reisebüro gehen, um ihre Kreuzfahrt zu buchen oder die Mutter nur so unter Zeitdruck steht, weil daheim ihr Macker wartet, der liebevoll für sie gekocht hat – ich spüre diesen Schmerz.

Und ich spüre meinen Schmerz. Und den Schmerz der anderen. All den realen Schmerz.

Wie gesagt, ich bin immer noch derselbe Mensch in derselben Welt, im Großen und Ganzen auch noch mit denselben Lebensumständen, und falls sich jene zum schlechteren entwickelt haben sollten, dann nur wegen meiner besagten Seele.

Ich sehe die Welt bloß anders.

Und man liest es in jedem Buch, man hört es von jedem Arzt: die Krankheit will dir etwas sagen. Die Panik ist ein Liebesdienst deiner Psyche. Sie sagt dir, wenn du zu viel Stress hast, wenn du dich übernimmst. Ha!

Liebe Angst, wie soll ich mich übernehmen, wenn ich es nichtmal mehr hinkriege, mit irgendetwas anzufangen? Wenn das einzige, für das ich meine wenige Energie aufbringe ist, mich täglich mit dir zu konfrontieren? Liebe Seele: Vielleicht brauche ich das ja, diese Leidenschaft, Nächte lang an etwas zu arbeiten, für das ich brenne. Das erfüllt(e) mich am meisten. Und das nimmst du mir. Wer bist du überhaupt? Sollten wir nicht irgendwie auch dasselbe wollen?

Das ist alles kein Liebesdienst. Das ist eine Krankheit. Die Angst nimmt mir, was ich mag. Und all das Unerfüllte in mir, das übrig bleibt, füllt die Depression. Und es gibt kaum einen Moment, in dem ich mich davon erholen kann. Es ist, als würde der Schmerz sich mit sich selbst multiplizieren. Und ich will einfach nur Stop schreien.

Heute ist ein schlechter Tag. Morgen vielleicht ein guter. Und irgendwann wird alles wieder einigermaßen gut sein.

Vielleicht werde ich auch mal sagen: ohja, die schlimmste Zeit meines Lebens, die mich in eine einzige Existenzkrise gestürzt und meine gesamte Zukunft bedroht hat, war wirklich ein wahrer Liebesdienst meiner Psyche!

Aber bis dahin sage ich nur: Fuck you, Soul.

Being at her worst
Not able to breath
An indeterminable feel of thirst
The seething soreness underneath
Neither a fancier who watched her
Nor some inner strength to ease the pain

My hero was my doctor
And 20mg Escitalopram

Natur- und Wirtschaftswissenschaftler hassen diesen Text!11

Ich hasse diese Stadt. Ich hasse die Leute hier. Was nicht heißt, dass mein Hass begründet ist. Für mich ist es nur schwer hier, in einer Uni-Stadt, die von IT und Wirtschaftswissenschaften dominiert wird.

Nichts weckt mein Interesse. In den zwei Jahren hier habe ich auf dem Heimweg nie einen Umweg in Kauf genommen. Mit einer Mischung aus Unverständnis und Verachtung beobachte ich die Touristengruppen aus dem Fenster des Busses.

Ich hasse es, dass niemand mit mir in eine Bar gehen will, ich hasse es, dass ich mit niemandem in einen Club gehen will, weil es scheint, als fände das ganze Jahr eine Ibiza-Meets-Après-Ski-Party statt.

Ich hasse es, dass ich Freunde hier finde, wie Perlen am Strand, die aber bald wieder gehen, weil sie es hier genauso grässlich finden wie ich.

Ich hasse es, dass mich die Menschen hier allem Anschein nach für dumm halten, weil ich lieber Spanisch lerne als Java und weil ich niemandem täglich davon erzähle, wie anspruchsvoll meine Vorlesungen sind und bei welchem Super-duper-hyper-Startup-Cashcow-weiß-der-Teufel-Unternehmen ich mich bewerben will. Versteht mich nicht falsch. Ich habe eine große Achtung vor Menschen, deren Interessen und Fähigkeiten in solchen Themengebieten liegen.

Doch liegt darin vielleicht der Unterschied? Vorsicht, diese Behauptung widerspricht allen Prinzipien der empirischen Forschung; jedoch habe ich die Erfahrung gemacht, dass Mr. IT und Mrs. Wiwi oftmals weniger von ihren Mitmenschen halten als ihre Kommilitonen aus anderen Fakultäten. Auch wenn ich weiß, dass das Bullshit ist. Arschlöcher gibt es überall.

Ich hasse es, dass ich mich ständig rechtfertigen muss.

Fehl am Platz. Unbehagen. Nur noch zwei Semester.

Und dann gibt es Abende wie heute. Ich gehe zu einer schlecht besuchten Lesung. Zwei Stunden Behagen, Menschen, von denen ich mir einbilde, dass sie ein vertrauensvolles Gesicht haben, zwei Stunden ein Platz. Im Raum. In der Stadt.

Ich bin nicht weniger sozial ungeschickt als sonst, aber ich fühle mich so, als wäre es hier nicht so schlimm. Ich fühle mich, als hätte ich mich zusammen mit den wenigen anderen Besuchern zu einer Selbsthilfegruppe zusammengefunden. Ich lache, auf einmal ist die Stadt ein bisschen schöner.

An Abenden wie heute nehme ich einen kleinen Umweg in Kauf und sehe süße Cafés, die um diese Uhrzeit geschlossen haben, aber von denen ich mir fest vornehme, sie mal bei Tageslicht zu besuchen (was ich natürlich niemals machen werde). Ich denke darüber nach, dass die Leute, über die ich hier voller Boshaftigkeit schreibe, alles richtig machen. Sie wachsen in dieser Stadt, werden gefordert und gefördert, aber bevor ich hier den neuen Promo-Text für die hiesige Universität schreibe, füge ich hinzu, dass manche Menschen wohl nicht hergehören. Ich vermutlich.  Nichts inspiriert mich (gibt es ein Gegenteil von inspirieren?), außer die Schnipsel, die fremde Künstler aus fremden Städten hierherbringen.

Ich gehe nach Hause, schreibe diesen Blogeintrag, schaue danach genüsslich Frauentausch und fühle mich nicht schlecht dafür, weil mir einmal mehr klar wird, dass das Prinzip, dem ich folge, nämlich meinen vermeintlichen Intellekt niemandem unter die Nase reiben zu müssen, für mich persönlich doch aufgeht.

Ich hadere noch ein bisschen mit mir – frustriert mich diese Erkenntnis oder bin ich froh darüber, sie gewonnen zu haben? Bin ich unfassbar dumm, hier zu bleiben, oder tapfer, weil ich es durchziehe? Mir zuliebe entscheide ich mich für die beiden letzten Optionen und versuche, ein bisschen weniger zu hassen und glücklich darüber zu sein, mein persönliches Balsam für die Seele gefunden zu haben.

Ich bin einfach nur ein bisschen fehl am Platz. Nur noch zwei Semester. Und solange bleiben mir noch Abende wie heute.

Ein Text den ich nie schreiben wollte

Ich wollte diesen Text nie schreiben. Weil ich glaubte, das alles gut verkraftet zu haben und weil ich mir nicht mehr die Frage stellen wollte: Mama, warum bist du schizophren?

Vor nicht allzulanger Zeit stieß ich zufällig auf ein altes Arbeitszeugnis von dir. Ich würde nicht behaupten, dass ich ein Mensch bin, der nah am Wasser gebaut ist. Aber in diesem Moment zog sich mein ganzer Körper zusammen, ich weinte wie ein Schlosshund und kauerte auf dem kalten Kellerboden (sorry für das Melodramatische, aber es war in der Tat ein trauriger Moment).

Deine Arbeitszeugnisse bestanden aus sämtlichen lobenden Prädikaten, heute gehst du nicht mehr arbeiten. Weil du heute nicht mehr kannst.

Das Schlimmste damals war nicht, dass du eines Abends im Schlafzimmer standest und deine besten Kleider anzogst, weil du dachtest, du würdest in dieser Nacht sterben. Dass du sagtest, du könntest mich nicht in den Arm nehmen, weil ich sonst auch sterben würde. Dass du weinend dasaßt und verzweifelt betetest, weil wir das alte Brot nicht gegessen, sondern weggeschmissen und damit gesündigt hatten. Oder dass du diesen irren Blick im Gesicht hattest.

Was mir wirklich zu schaffen machte, war mein Unverständnis. Zwar hat all das heute einen Namen, ich kenne die Diagnose. Manche nennen es eine Psychose, andere Schizophrenie. Aber niemand hätte mir mit meinen zehn Jahren erklären können, was damals in dir vor sich ging. Und es hat ja auch keiner versucht.

Du hattest Glück, dass dich so viele Menschen unterstützten. ,,Du musst jetzt ganz lieb zu deiner Mama sein.“ Diesen Satz habe ich 1000 Mal gehört. Ich gab mein Bestes, wirklich. Damals kannte ich diese Wörter wahrscheinlich nicht, aber es war einfach alles so skurril, surreal, unwirklich. Der wichtigste Mensch meines Lebens war am Durchdrehen und ich war so.unfassbar.allein.

Ich bin dir nicht böse. Denn du warst die letzte, die mir in diesen Momenten hätte helfen können. Und auch all die anderen Menschen in meinem Umfeld handelten so, weil sie es nicht besser wussten.

Dennoch macht sich eine Form von Wut und Unverständnis breit. Und Mitgefühl, für all die Kinder mit psychisch kranken Eltern, die ,,stark sein sollen“, während ihnen niemand erklärt, was los ist, warum diese Welt, die Eltern für ihre Kinder nun mal sind, auf einmal zusammenbricht.

Heute bin ich erwachsen. Und dennoch macht mir diese Krankheit immer noch Angst, wie ein Monster, das unter meinem Bett wohnt. Ich fürchte mich davor, dass diese Krankheit auch mich einmal überfallen könnte.

Dass ich heute unter einer  Angststörung leide, lässt sich wohl auch mithilfe meiner psychiatrischen Familienanamnese erklären. Aber Panikattacken sind nichts gegen den Wahnsinn und den Horror, den man wohl während einem psychotischen Schub in sich trägt. Und ich weiß, dass diese ekligen Gene in mir sind, wie ein Virus, der ständig ausbrechen kann.

In ein paar Jahren muss ich zu meiner ersten Mammographie, weil es der liebe Gott bei uns nicht nur mit psychischen Erkrankungen, sondern auch mit dem Krebs sehr gut gemeint hat. Da wird sich gekümmert. Ist ja schließlich genetisch vererbbar, ne richtige Krankheit, nicht bloß sowas im Kopf.

Doch vor zehn Jahren habe ich jegliche Angst vor körperlichen Krankheiten, Unfällen oder Ähnlichem verloren. Für mich schlummert das Böse nicht in den Zellen meiner Brüste, sondern in den Synapsen meines unergründlichen Hirns.

Und ja, ich frage mich auch noch mit 21 Jahren: Mama, warum bist du schizophren? Denn wenn mich die Erinnerung daran überfällt, dann werde ich wieder ganz klein, genauso ahnungslos und hilflos wie damals, auf der Suche nach Halt und Erklärungen.  Ich habe wegen meinen Ängsten schon viele Kompromisse gemacht. Aber ein Leben in ständiger Sorge darum, wieder wahnsinnig zu werden, ohne Arbeit, ohne Erfolg, das wäre für mich kein Leben mehr. Ein zu großer Kompromiss. Ob ich wohl auch mal eine Tochter haben werde, die heulend vor meinen Zeugnissen sitzt? Ich hoffe nicht.

 

 

 

 

Ode an den Wahlsonntag

Heute durfte ich das erste Mal wählen. Man möge mich dafür belächeln oder für verrückt halten: aber dieser Tag ist tatsächlich etwas Besonderes für mich.

Allein der emotionale Mehrwert, der diesem Herbstsonntag innewohnt: es mag widersprüchlich erscheinen, doch für mich ist er ein Stückchen heile Welt, das aus der Vergangenheit übriggeblieben ist. Vielleicht, weil er an die Kindheit erinnert, vielleicht, weil es ein letztes Gefühl von Einheit ist, wenn die Straßen voll sind mit Menschen, die fast schon feierlich zu den Wahllokalen pilgern, um dort ihre Kreuze zu machen. Ganz altmodisch. Mit Stift und Papier.

Man begegnet Bekannten und Fremden, die sich alle aus demselben Grund eingefunden haben. Wegen einem Thema, über das man selten in aller Offenheit redet, weil es so persönlich ist, so kontrovers, und weil ein Gespräch darüber oftmals in Diskussionen endet oder man schräge Blicke für die eigenen Ansichten erntet.
Und auch wenn ich die Menschen in den Wahlkabinen aufgrund der aktuell gegebenen Parteienlandschaft heute etwas mit Skepsis beobachtet habe, erfüllte mich ein gutes Gefühl dabei – denn auch das ist Demokratie.

Aber vor allen Dingen fühlte ich, ohne allzu dramatisch klingen zu wollen, Ehrfurcht und Dankbarkeit. Ehrfurcht davor, Teil eines Systems zu sein, welches mich die Zukunft mitbestimmen lässt. Und Dankbarkeit für dieses Privileg, welches ich nur mit Glück, nämlich durch meine Geburt in diesem Land, erhalten durfte.

Für allgemeine, unmittelbare, freie, gleiche und geheime Wahlen haben unzählige unserer Vorfahren ihr Leben gelassen. Und auch heute noch leiden Millionen Menschen darunter, unter diktatorischen Verhältnissen zu leben. Einige bezahlen im Kampf für ihre Rechte mit ihrem Leben oder landen als politische Gefangene unter menschenunwürdigen Verhältnissen in Gefängnissen.

Und natürlich ist auch hierzulandw nicht alles perfekt, aber das hat ja auch niemand gesagt. Einige mögen mich für naiv halten. Ich halte es für naiv, Dinge wie Gewaltenteilung, Solidarität, Meinungsfreiheit oder Zugang zu kostenloser Bildung für selbstverständlich zu halten.

Und für all die Sachen, die noch nicht gut laufen, haben alle Wahlberechtigten die Möglichkeit, heute etwas dagegen zu unternehmen – auch wenn es vielen nicht so erscheinen mag.

Wie ich bereits am Anfang dieses Textes geschrieben habe, wird mich jetzt so manch einer für verrückt erklären. Weil ich einen ellenlangen Text schreibe, um ein Thema zu lobpreisen, für das es sich für einige nichteinmal lohnt, ihren Hintern vom Sofa zu bewegen.

Aber bei alldem Groll, der sich in letzter Zeit über die hiesige Politik breitmacht, kann es mit Sicherheit nicht schaden, auch mal positive darüber zuzulassen. 

In diesem Sinne: noch einen schönen Wahlsonntag.

Gestrandet

Heute war mal wieder einer dieser schrecklichen Tage. Diese Tage, an denen der ganze Wille zusammenbricht und die Angst im Innern eskaliert. Das Zweifeln an dem Verstand, die – ja, man könnte es fast schon Überzeugung nennen – die Überzeugung, dass es nie wieder gut wird. 

Das Dasein als Gefängnisinsasse seiner persönlichen Hölle, in dem Käfig seiner Gedanken. Und ich ringe um Fassung, versuche mich über Wasser zu halten und dem Strudel zu entkommen.

Umso schöner ist es jetzt. Wenn ich hier daliege, wieder frei atmen kann. Als wäre ich aus einem Albtraum aufgewacht, als wäre ich gestrandet. Eigentlich ein guter Vergleich, gestrandet. Erschöpft, richtig erschöpft und auch noch etwas verwirrt, ratlos, aber am sicheren Ufer.
Und vielleicht wird ja doch noch alles gut. Ich habe mich vorhin an eine Situation erinnert, vor zwei Jahren, als wir auf einer Studienfahrt das Stasi-Gefängnis in Berlin besucht haben. 

Der Gästeführer war selbst ein mal Insasse gewesen, vor vielen Jahren. Es war ein komischer Kauz, ziemlich hektisch, aber er hatte etwas sehr Liebenswertes an sich. 

Auf jeden Fall führte er uns durch die Verließe und man merkte, wie es ihn wieder ein wenig zurück in seine schreckliche Vergangenheit warf. Und er redete ständig davon, dass er Herzrasen hatte, ständig, und ich hatte schon eine leise Ahnung, wohin das führte.

,,Ja, dann, Jahre später, wurde mir klar: es waren Panikattacken!“ 

Und ich wusste nicht so richtig was ich davon halten sollte, von ihm.

Einerseits war es ein tröstendes Gefühl, dass auch ein gestandener Mann, der das Stasi-Gefängnis mehr oder weniger überlebte, so stark von diese Art der Angst eingeschüchtert wurde.

Und andererseits schämte ich mich. Ich habe alles was ich brauche. Wirklich alles, mir fehlt an nichts, ich habe die üblichen Probleme eines in Europa lebenden Mädchens der Generation Y. 

Und ich habe die gleichen Beschwerden wie jemand, der gefoltert wurde, weil er in jugendlichem Leichtsinn eine Fahne verbrannt hatte. 

Doch alles in allem bleibt das tröstende Gefühl. Wann immer ich in Berlin war, hatte ich eine schöne Zeit. 

Und was bringt es schon, sich ständig zu sorgen, um das warum, um das was war. 

Im Moment bin ich gestrandet, geerdet. Im Moment habe ich keine Angst. Ich kann wieder atmen. 

Zehn Minuten

Ich fahre mit dem Bus, das erste Mal seit einer halben Ewigkeit. Es ist immer noch dieselbe Route wie vor Jahren, als ich fast täglich den Bus nahm, um in die Schule zu kommen. Vorbei an denselben Nachbardörfern, über dieselben Landstraßen, bis in dieselbe Kleinstadt. 

Ich höre Nada Surf und sehe das Haus, in dem der Mann wohnte, der mir das erste Mal das Herz brach. Ich erinnere mich an ihn und fünf Jahre später weiß ich, dass in seinem Kopf damals genauso ein Chaos herrschte wie in seiner Wohnung, in der überall Tütchen verstreut lagen, von denen der einzige Inhalt, den ich benennen konnte, wahrscheinlich auch der harmloseste, das Gras war.  

 Schließlich bleiben wir an der Haltestelle stehen, an der ich vor gut vier Jahren stand und weinend meinen Vater anrief, nachdem ich kreidebleich aus dem Linienbus gestürmt war. ,,Ich bekomme keine Luft mehr, ich weiß nicht was mit mir los ist, hol mich bitte ab“, sagte ich, heute weiß ich, was mit mir los war. Ich weiß, dass das eine meiner ersten Panikattacken war und frage mich, was ich damals hätte anders machen können, um noch die Kurve zu kriegen, aber mir fällt nichts ein. Meine Eltern wussten Bescheid, ich fragte meinen Hausarzt und schließlich eine Psychiaterin um Rat. Außer der Gewissheit, dass mit meinem Körper alles bestens ist und einer Broschüre über Angststörungen, hatte ich jedoch nicht viel davon.

 Auf meinem Handy erscheint eine Meldung. ,,Instagram: xy hat dein Bild geliked“ Ich sehe das Bild nochmal an. #daslebenistschoen. Ich schmunzle über die Ironie und fühle mich etwas verbittert, dann dreht sich mein Gedankenkarussell weiter.

 Ich frage mich, warum ich mir all das antue. Warum ich ständig in der schmerzhaften Vergangenheit wühle, mich ständig dafür hasse, nicht so gehandelt zu haben, wie ich es mit meinem heutigen Wissen tun würde.

Deshalb versuche ich, mir die Orte mit den schönen Erinnerungen ins Gedächtnis zu holen. Es funktioniert. Ich sehe die Straße, auf der ich mit meinen Freunden lag. Unter mir der heiße Asphalt, in mir der Alkohol und über mir der Sternenhimmel. Wir redeten über das Universum und ich fühlte mich geborgen und glücklich.

Die Bank, auf der wir saßen, nachdem wir mit unserem letzten Geld Süßigkeiten gekauft hatten, und deshalb wunschlos glücklich waren.

Die Bar, die jede Woche zu platzen drohte, wenn wir kamen, weil wir viele waren und ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals Streit gab. Wir waren eine homogene Masse, die ständig gute Laune hatte. Und wenn ein Teil doch mal schlechte Laune hatte über alles redete und reden konnte.

Ich merke, wie sich alles in mir zusammenzieht, wie die guten Erinnerungen noch mehr schmerzen als die schlechten. Denn sie sind vorbei. Ich bin nicht in der Lage, selig auf sie zurückzublicken und sie aufzubewahren, wie in einem Fotoalbum, dass man manchmal herausholt, um glücklich darin zu blättern und danach wieder in einen Schrank stellt.

Während die Personen aus meinen Erinnerungen neue Erlebnisse sammeln, klammere ich mich an meinen alten fest, sie sind schon ganz verschlissen, weil ich ständig versuche, sie festzuhalten, obwohl sie sich immer weiter von mir entfernen. Ich zerstöre sie, weil ich sie nicht Erinnerungen sein lassen kann. Denn mir gelingt es nicht, neue zu sammeln.

Ich hasse meine Krankheit, sie hält mich gefangen und ich schaue dabei zu, wie mein normales Leben immer weiter in die Vergangenheit rückt. Ich fühle mich zurückgelassen.

 An der nächsten Haltestelle muss ich raus. Ich denke daran, wie sehr ich das Busfahren hasse und wie ich immer davon träumte und träume, in einer großen Stadt zu leben, die aufregenden Leute in der U-Bahn zu beobachten und an jeder Straßenecke das Leben zu spüren.

Ich helfe einer alten Frau beim aussteigen, atme die frische Luft ein und merke, wie ich langsam aus meinem Albtagtraum erwache.

 ,,Da hättet ihr mich mal fast wieder gehabt, ihr Wichser“, sage ich innerlich zu meinen inneren Kritikern und Ängsten.  

 Gerade ist nichts gut, es ist aber auch nicht alles schlecht. Und das ist in Ordnung, das gehört dazu. Ich versuche fest daran zu glauben, dass es irgendwann wieder andersherum sein wird. Dass nichts schlecht sein wird, aber auch nicht alles gut. Normal eben. Dass ich wieder in der Lage sein werde, schöne Erinnerungen zu sammeln, bei denen alles in mir anfängt zu strahlen, wenn ich sie ab und an in meinem imaginären Fotoalbum ansehe.

Und dass ich irgendwann einen Grund für all den Schmerz erkennen kann und froh und stolz sein werde, ihn durchlebt zu haben.

 Einer meiner inneren Kritiker setzt zum Reden an: ,,Aber…“

,,Halt die Fresse“, sage ich. ,,Das Leben ist schön“.