Gestrandet

Heute war mal wieder einer dieser schrecklichen Tage. Diese Tage, an denen der ganze Wille zusammenbricht und die Angst im Innern eskaliert. Das Zweifeln an dem Verstand, die – ja, man könnte es fast schon Überzeugung nennen – die Überzeugung, dass es nie wieder gut wird. 

Das Dasein als Gefängnisinsasse seiner persönlichen Hölle, in dem Käfig seiner Gedanken. Und ich ringe um Fassung, versuche mich über Wasser zu halten und dem Strudel zu entkommen.

Umso schöner ist es jetzt. Wenn ich hier daliege, wieder frei atmen kann. Als wäre ich aus einem Albtraum aufgewacht, als wäre ich gestrandet. Eigentlich ein guter Vergleich, gestrandet. Erschöpft, richtig erschöpft und auch noch etwas verwirrt, ratlos, aber am sicheren Ufer.
Und vielleicht wird ja doch noch alles gut. Ich habe mich vorhin an eine Situation erinnert, vor zwei Jahren, als wir auf einer Studienfahrt das Stasi-Gefängnis in Berlin besucht haben. 

Der Gästeführer war selbst ein mal Insasse gewesen, vor vielen Jahren. Es war ein komischer Kauz, ziemlich hektisch, aber er hatte etwas sehr Liebenswertes an sich. 

Auf jeden Fall führte er uns durch die Verließe und man merkte, wie es ihn wieder ein wenig zurück in seine schreckliche Vergangenheit warf. Und er redete ständig davon, dass er Herzrasen hatte, ständig, und ich hatte schon eine leise Ahnung, wohin das führte.

,,Ja, dann, Jahre später, wurde mir klar: es waren Panikattacken!“ 

Und ich wusste nicht so richtig was ich davon halten sollte, von ihm.

Einerseits war es ein tröstendes Gefühl, dass auch ein gestandener Mann, der das Stasi-Gefängnis mehr oder weniger überlebte, so stark von diese Art der Angst eingeschüchtert wurde.

Und andererseits schämte ich mich. Ich habe alles was ich brauche. Wirklich alles, mir fehlt an nichts, ich habe die üblichen Probleme eines in Europa lebenden Mädchens der Generation Y. 

Und ich habe die gleichen Beschwerden wie jemand, der gefoltert wurde, weil er in jugendlichem Leichtsinn eine Fahne verbrannt hatte. 

Doch alles in allem bleibt das tröstende Gefühl. Wann immer ich in Berlin war, hatte ich eine schöne Zeit. 

Und was bringt es schon, sich ständig zu sorgen, um das warum, um das was war. 

Im Moment bin ich gestrandet, geerdet. Im Moment habe ich keine Angst. Ich kann wieder atmen. 

Das hab ich jetzt gebraucht

Normalerweise halte ich nicht viel von öffentlichen Beileidsbekundungen für berühmte Persönlichkeiten, die von uns gegangen sind. Müde habe ich insgeheim all jene belächelt, die  auf einmal zu hysterischen Überfans geworden waren. 

Davor werde ich mich in Zukunft hüten. Denn auch mich hat der Tod von Chester Bennington tatsächlich sehr getroffen. 

Das erste Album, das ich mir gekauft habe, war von Linkin Park. Ich war eine von Millionen anderen Teenagern, die im zarten Alter von 12 Jahren dadurch Ihren Musikgeschmack entdeckt haben. Viele melancholische Tage und die besten Nächte wurden damit musikalisch untermalt. 

In WhatsApp-Gruppen kommen Diskussionen auf: wie kann man als Familienvater seine Kinder so feige zurücklassen?

Ja, wie kann man nur. Wie schlecht muss es jemandem gehen, dass man das kann? 

Es macht mich traurig, dass Depressionen von so vielen Menschen so wenig ernstgenommen werden. Und dabei geht es nicht um Rechthaberei, sondern darum, dass man sich als Betroffener ohnehin schon nutzlos, schuldig und faul fühlt. 

Was wäre wohl, wenn die Krankheit so sehr als solche in der Gesellschaft wahrgenommen werden würde, dass man nicht zusätzlich zu all den negativen Gefühlen auch noch die Scham darüber ertragen müsste?

Vielen würden einige Sorgen und Ausreden erspart bleiben, wenn sie den Mut finden würden, offen über ihre Krankheit zu reden. Dazu zähle ich auch mich. 

Ich weiß nicht, warum er letzten Endes diesen Schritt gegangen ist. Ich schäme mich ein bisschen, eine von vielen gewesen zu sein, die sich über die neuen Lieder lustig gemacht haben. Vielleicht war das nur der Tropfen auf dem heißen Stein, vielleicht war es eine große Belastung, ich weiß es nicht und möchte es auch gar nicht wagen, über die Gründe zu spekulieren. 

Doch es regt mich zum nachdenken an und dazu, noch umsichtiger und nicht so zynisch mit meinen Mitmenschen umzugehen, egal wie nahe sie mir stehen. 

Eigentlich wollte ich dieses Jahr die Tour von Linkin Park besuchen. Meine Agoraphobie hat mich davon abgehalten. ,,Die gibt’s sicher noch ne Weile, dass hole ich nach, wenn ich irgendwann wieder einigermaßen normal bin“, habe ich gesagt. 

Danke für alles und ruhe in Frieden, Chester.

Zehn Minuten

Ich fahre mit dem Bus, das erste Mal seit einer halben Ewigkeit. Es ist immer noch dieselbe Route wie vor Jahren, als ich fast täglich den Bus nahm, um in die Schule zu kommen. Vorbei an denselben Nachbardörfern, über dieselben Landstraßen, bis in dieselbe Kleinstadt. 

Ich höre Nada Surf und sehe das Haus, in dem der Mann wohnte, der mir das erste Mal das Herz brach. Ich erinnere mich an ihn und fünf Jahre später weiß ich, dass in seinem Kopf damals genauso ein Chaos herrschte wie in seiner Wohnung, in der überall Tütchen verstreut lagen, von denen der einzige Inhalt, den ich benennen konnte, wahrscheinlich auch der harmloseste, das Gras war.  

 Schließlich bleiben wir an der Haltestelle stehen, an der ich vor gut vier Jahren stand und weinend meinen Vater anrief, nachdem ich kreidebleich aus dem Linienbus gestürmt war. ,,Ich bekomme keine Luft mehr, ich weiß nicht was mit mir los ist, hol mich bitte ab“, sagte ich, heute weiß ich, was mit mir los war. Ich weiß, dass das eine meiner ersten Panikattacken war und frage mich, was ich damals hätte anders machen können, um noch die Kurve zu kriegen, aber mir fällt nichts ein. Meine Eltern wussten Bescheid, ich fragte meinen Hausarzt und schließlich eine Psychiaterin um Rat. Außer der Gewissheit, dass mit meinem Körper alles bestens ist und einer Broschüre über Angststörungen, hatte ich jedoch nicht viel davon.

 Auf meinem Handy erscheint eine Meldung. ,,Instagram: xy hat dein Bild geliked“ Ich sehe das Bild nochmal an. #daslebenistschoen. Ich schmunzle über die Ironie und fühle mich etwas verbittert, dann dreht sich mein Gedankenkarussell weiter.

 Ich frage mich, warum ich mir all das antue. Warum ich ständig in der schmerzhaften Vergangenheit wühle, mich ständig dafür hasse, nicht so gehandelt zu haben, wie ich es mit meinem heutigen Wissen tun würde.

Deshalb versuche ich, mir die Orte mit den schönen Erinnerungen ins Gedächtnis zu holen. Es funktioniert. Ich sehe die Straße, auf der ich mit meinen Freunden lag. Unter mir der heiße Asphalt, in mir der Alkohol und über mir der Sternenhimmel. Wir redeten über das Universum und ich fühlte mich geborgen und glücklich.

Die Bank, auf der wir saßen, nachdem wir mit unserem letzten Geld Süßigkeiten gekauft hatten, und deshalb wunschlos glücklich waren.

Die Bar, die jede Woche zu platzen drohte, wenn wir kamen, weil wir viele waren und ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals Streit gab. Wir waren eine homogene Masse, die ständig gute Laune hatte. Und wenn ein Teil doch mal schlechte Laune hatte über alles redete und reden konnte.

Ich merke, wie sich alles in mir zusammenzieht, wie die guten Erinnerungen noch mehr schmerzen als die schlechten. Denn sie sind vorbei. Ich bin nicht in der Lage, selig auf sie zurückzublicken und sie aufzubewahren, wie in einem Fotoalbum, dass man manchmal herausholt, um glücklich darin zu blättern und danach wieder in einen Schrank stellt.

Während die Personen aus meinen Erinnerungen neue Erlebnisse sammeln, klammere ich mich an meinen alten fest, sie sind schon ganz verschlissen, weil ich ständig versuche, sie festzuhalten, obwohl sie sich immer weiter von mir entfernen. Ich zerstöre sie, weil ich sie nicht Erinnerungen sein lassen kann. Denn mir gelingt es nicht, neue zu sammeln.

Ich hasse meine Krankheit, sie hält mich gefangen und ich schaue dabei zu, wie mein normales Leben immer weiter in die Vergangenheit rückt. Ich fühle mich zurückgelassen.

 An der nächsten Haltestelle muss ich raus. Ich denke daran, wie sehr ich das Busfahren hasse und wie ich immer davon träumte und träume, in einer großen Stadt zu leben, die aufregenden Leute in der U-Bahn zu beobachten und an jeder Straßenecke das Leben zu spüren.

Ich helfe einer alten Frau beim aussteigen, atme die frische Luft ein und merke, wie ich langsam aus meinem Albtagtraum erwache.

 ,,Da hättet ihr mich mal fast wieder gehabt, ihr Wichser“, sage ich innerlich zu meinen inneren Kritikern und Ängsten.  

 Gerade ist nichts gut, es ist aber auch nicht alles schlecht. Und das ist in Ordnung, das gehört dazu. Ich versuche fest daran zu glauben, dass es irgendwann wieder andersherum sein wird. Dass nichts schlecht sein wird, aber auch nicht alles gut. Normal eben. Dass ich wieder in der Lage sein werde, schöne Erinnerungen zu sammeln, bei denen alles in mir anfängt zu strahlen, wenn ich sie ab und an in meinem imaginären Fotoalbum ansehe.

Und dass ich irgendwann einen Grund für all den Schmerz erkennen kann und froh und stolz sein werde, ihn durchlebt zu haben.

 Einer meiner inneren Kritiker setzt zum Reden an: ,,Aber…“

,,Halt die Fresse“, sage ich. ,,Das Leben ist schön“.  

 

Text vom Scheitern

Ein altbekanntes Problem drängt sich wieder auf. Die Freude über große Fortschritte wird getrübt durch die Gewissheit, dass die Zeit, in der ich krank war, mir viele Chancen verwehrt und viel Zeit genommen hat. 

,,Warum hast du dich nicht mehr zusammengerissen?“, denke ich und weiß im selben Moment, dass ich mich mehr zusammengerissen habe, als ich eigentlich konnte. Und dass mich genau das an den tiefsten aller Punkte brachte.

Damit ich nicht wieder in den Teufelskreis hineinrutsche und mich von meinen inneren Dämonen und Kritikern lähmen lasse, versuche ich gerade so gut wie möglich mir selbst zu verzeihen. 

Ich habe eigentlich den Eindruck, dass das ganz gut klappt und rede mir ein, dass niemand einen Fußballspieler mit gebrochenem Bein als Versager sehen würde, weil er nicht an einem Champions League-Endspiel teilnimmt. 

Der Unterschied liegt jedoch darin (altes, abgedroschenes Beispiel, ich weiß), dass man dem Spieler mit Beinbruch sein Leiden ansehen kann. Ich weiß nicht, was Leute von mir denken, wenn sie mich gerade scheitern sehen. Vielleicht, dass ich faul bin, oder ein Feigling. Und vielleicht denken sie auch gar nichts und ich bilde mir all das ein, weil es in Wirklichkeit das ist, was ich von mir selbst denke. 
Manchmal muss ich innerlich darüber schmunzeln, wie ich über mein verfehltes Leben grüble, weil ich mit meinen 20 Jahren den Bachelor noch nicht ganz in der Tasche habe. Und manchmal würde ich gerne einfach alles auf Facebook posten, weil die Bilder vom Strand und den Auslandssemestern mich langsam in den Wahnsinn treiben.

,,Hallo ihr 500 Freunde, Feinde, Bekannte und Unbekannte, ich bin nicht faul, ich bin nicht feige!!11! Wenn jemand nicht feige ist dann ich ich überlebe nämlich täglich Ängste die ihr vielleicht habt wenn ein Löwe der seit 20 Tagen nichts mehr gegessen hat vor euch steht. Oder wenn ihr aus dem Flugzeug springt und der Fallschirm sich nicht löst! Ich geb mein bestes! Lg“ 

Abgesehen davon, dass ein solcher Post von Kopfschütteln über Mitleid bis hin zu ,,du suchst doch nur aufmerksamkeit“ alles auslösen würde, nur kein Verständnis, sollte ich in erster Linie nicht daran arbeiten, dass Leute mich verstehen, die ich alle zwei Jahre sehe, sondern an mir selbst.

Diese Menschen sind egal, ich bin ihnen egal. Ich selbst jedoch muss jeden Tag, 24 Stunden, bis ans Ende meiner Tage, mit mir selbst verbringen. 

Also, höchste Priorität? Mich selbst lieben, mir selbst vergeben. 

Aufrecht bleiben

Es kam ja jetzt länger nichts mehr von mir, was wohl daran liegt, dass es mir einigermaßen gut geht. Ich bin zwar noch weit entfernt von glücklich/zufrieden/ausgeglichen/normal/wieauchimmermanesnennenmag, aber es ist in Ordnung.

Heute habe ich in meinem Tagebuch geblättert und bin auf die Seiten meines bisher dunkelsten Kapitels gestoßen. Es ist gerade mal ein paar Monate her, doch es kommt mir so vor, als seien Jahre vergangen, als wäre das gar nicht ich gewesen. So wenig ich beschreiben kann woher dieser unbegreifliche Schmerz kam, den ich fühlte, so wenig weiß ich auch, wie ich es geschafft habe, ihn durchzustehen. Sogar so durchzustehen, dass nur mein engstes Umfeld, den Menschen, denen ich es erzählte, davon wussten. Und auch sie standen mit offenem Mund vor mir. ,,Das würde man von dir gar nicht denken!“ 


Ich habe meine Prüfungen geschrieben, mich mit Menschen getroffen und bin währenddessen 1000 Tode gestorben. Ich bin nicht stolz, es durchgestanden zu haben. Im Nachhinein war es unglaublich dumm, so weiter zu machen, wie bisher. Doch das ist im Nachhinein leicht gesagt.

Ich bin jetzt froh, dass ich da raus bin – dennoch bin ich vorsichtig. Ich versuche, auf die Signale meiner Seele zu hören.

Kein Erfolg, kein Wahren des guten Scheins, kein Ansehen ist es wert, sich in ein derart tiefes Loch zu werfen. Und ich hoffe, dass ich mich in allem was kommt, an dieses Prinzip erinnern werde. 

Raus aus dem Sturm 

Ich melde mich mal wieder. Die letzten Tage ging es mir wirklich gut – ich glaube, es geht bergauf.

Ich habe mich einige Male konfrontiert und es war gut, aber dazu hat vor allem eines beigetragen: ich hatte die Kraft dazu. Das hängt damit zusammen, dass sich mein Leben in letzter Zeit etwas geändert hat und ich mich darum im Allgemeinen einfach besser fühle. 

Im Zusammenhang damit ist mir vor allem eines klar geworden: wir alle sind nicht krank geworden, weil wir irgendwann mal zu wenig geflogen, U-Bahn gefahren oder in Menschenmassen unterwegs gewesen sind. Konfrontation ist gut, doch viel wichtiger ist (in meinem Fall zumindest) ein Leben zu führen, das man mag – zumindest so weit, wie es mit der Krankheit geht. 

Manchmal weiß man vor lauter Angst gar nicht mehr, wovor man Angst hat und was man wirklich nicht will. Und – das ist mir auch klar geworden – es bringt nichts, täglich Höllenqualen zu leiden, für etwas, was man im gesunden Zustand eigentlich auch nicht wollen würde. Wie gesagt, die Unterscheidung ist schwer – hat man sie jedoch gefunden, wirkt das Wunder.

Ich werde wohl niemals eine sorglose Frohnatur sein und weiß auch nicht, wie lange der jetzige Zustand anhalten wird – aber gerade ist es echt schön.

Passend dazu ein Zitat von Haruki Murakami, einem meiner Lieblingsautoren. Das wiederum habe ich aus einem Buch von Matt Haig mit dem Titel ,,1000 Gründe am Leben zu bleiben“, was ich allen Mitstreitern nur weiterempfehlen kann.