Text vom Scheitern

Ein altbekanntes Problem drängt sich wieder auf. Die Freude über große Fortschritte wird getrübt durch die Gewissheit, dass die Zeit, in der ich krank war, mir viele Chancen verwehrt und viel Zeit genommen hat. 

,,Warum hast du dich nicht mehr zusammengerissen?“, denke ich und weiß im selben Moment, dass ich mich mehr zusammengerissen habe, als ich eigentlich konnte. Und dass mich genau das an den tiefsten aller Punkte brachte.

Damit ich nicht wieder in den Teufelskreis hineinrutsche und mich von meinen inneren Dämonen und Kritikern lähmen lasse, versuche ich gerade so gut wie möglich mir selbst zu verzeihen. 

Ich habe eigentlich den Eindruck, dass das ganz gut klappt und rede mir ein, dass niemand einen Fußballspieler mit gebrochenem Bein als Versager sehen würde, weil er nicht an einem Champions League-Endspiel teilnimmt. 

Der Unterschied liegt jedoch darin (altes, abgedroschenes Beispiel, ich weiß), dass man dem Spieler mit Beinbruch sein Leiden ansehen kann. Ich weiß nicht, was Leute von mir denken, wenn sie mich gerade scheitern sehen. Vielleicht, dass ich faul bin, oder ein Feigling. Und vielleicht denken sie auch gar nichts und ich bilde mir all das ein, weil es in Wirklichkeit das ist, was ich von mir selbst denke. 
Manchmal muss ich innerlich darüber schmunzeln, wie ich über mein verfehltes Leben grüble, weil ich mit meinen 20 Jahren den Bachelor noch nicht ganz in der Tasche habe. Und manchmal würde ich gerne einfach alles auf Facebook posten, weil die Bilder vom Strand und den Auslandssemestern mich langsam in den Wahnsinn treiben.

,,Hallo ihr 500 Freunde, Feinde, Bekannte und Unbekannte, ich bin nicht faul, ich bin nicht feige!!11! Wenn jemand nicht feige ist dann ich ich überlebe nämlich täglich Ängste die ihr vielleicht habt wenn ein Löwe der seit 20 Tagen nichts mehr gegessen hat vor euch steht. Oder wenn ihr aus dem Flugzeug springt und der Fallschirm sich nicht löst! Ich geb mein bestes! Lg“ 

Abgesehen davon, dass ein solcher Post von Kopfschütteln über Mitleid bis hin zu ,,du suchst doch nur aufmerksamkeit“ alles auslösen würde, nur kein Verständnis, sollte ich in erster Linie nicht daran arbeiten, dass Leute mich verstehen, die ich alle zwei Jahre sehe, sondern an mir selbst.

Diese Menschen sind egal, ich bin ihnen egal. Ich selbst jedoch muss jeden Tag, 24 Stunden, bis ans Ende meiner Tage, mit mir selbst verbringen. 

Also, höchste Priorität? Mich selbst lieben, mir selbst vergeben. 

2 Kommentare zu „Text vom Scheitern

  1. Ich kann diese Gedanken so gut nachvollziehen! Wegen meiner Angsterkrankung habe ich meinen damaligen Job ja auch an den Nagel gehängt und habe oft das Gefühl, dass das der Sargnagel für meine Karriere war. Was natürlich nicht stimmt! Und es spielt auch keine Rolle, ob du deinen Bachelor mit 20 oder 23 oder 27 machst. Und das mit dem Zusammenreißen kenne ich nur zu gut… Gleichzeitig ist das Beinbruchbeispiel super gut und mega wichtig! Der Fußballspieler ist krank mit gebrochenem Bein. Du bist krank mit deiner Erkrankung. Keine von beiden Erkrankungen hat ein größeres Recht, als solche akzeptiert zu werden, als die andere. Beide sind gleich. Gleich schlimm. Gleich in Ordnung. Gleich erlaubt und auch mit Aussicht auf Besserung! Ich muss mir das auch noch immer wieder in Erinnerung rufen. Es ist so traurig, dass wir in einer Welt leben, die psychische Erkrankungen nicht wahrhaben will, oder aber so tut, als sei man gleich ein Psychopath. Diese Einstellung nimmt nicht gerade den Druck – wodurch die Genesung nur hinausgezögert wird. Meh. Auf alle Fälle will ich damit bloß sagen: Du bist super! Die, die dich als „faul“ bezeichnen würden, sollten sich das auch mal geben und dann sehen, wie sie nach einer Woche durch die Gegend joggen. Dann schließen sie die große Klappe vielleicht wieder.

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    1. Danke für deinen Kommentar! Es ist einfach so, dass nur ein verschwindend geringer Teil der Menschen, die mit sowas nie zutun hatten, es verstehen. Das kann man ihnen auch nicht übelnehmen, aber umso tröstender ist es von seinen Leidensgenossen verstanden zu werden. Danke ❤

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