Zehn Minuten

Ich fahre mit dem Bus, das erste Mal seit einer halben Ewigkeit. Es ist immer noch dieselbe Route wie vor Jahren, als ich fast täglich den Bus nahm, um in die Schule zu kommen. Vorbei an denselben Nachbardörfern, über dieselben Landstraßen, bis in dieselbe Kleinstadt. 

Ich höre Nada Surf und sehe das Haus, in dem der Mann wohnte, der mir das erste Mal das Herz brach. Ich erinnere mich an ihn und fünf Jahre später weiß ich, dass in seinem Kopf damals genauso ein Chaos herrschte wie in seiner Wohnung, in der überall Tütchen verstreut lagen, von denen der einzige Inhalt, den ich benennen konnte, wahrscheinlich auch der harmloseste, das Gras war.  

 Schließlich bleiben wir an der Haltestelle stehen, an der ich vor gut vier Jahren stand und weinend meinen Vater anrief, nachdem ich kreidebleich aus dem Linienbus gestürmt war. ,,Ich bekomme keine Luft mehr, ich weiß nicht was mit mir los ist, hol mich bitte ab“, sagte ich, heute weiß ich, was mit mir los war. Ich weiß, dass das eine meiner ersten Panikattacken war und frage mich, was ich damals hätte anders machen können, um noch die Kurve zu kriegen, aber mir fällt nichts ein. Meine Eltern wussten Bescheid, ich fragte meinen Hausarzt und schließlich eine Psychiaterin um Rat. Außer der Gewissheit, dass mit meinem Körper alles bestens ist und einer Broschüre über Angststörungen, hatte ich jedoch nicht viel davon.

 Auf meinem Handy erscheint eine Meldung. ,,Instagram: xy hat dein Bild geliked“ Ich sehe das Bild nochmal an. #daslebenistschoen. Ich schmunzle über die Ironie und fühle mich etwas verbittert, dann dreht sich mein Gedankenkarussell weiter.

 Ich frage mich, warum ich mir all das antue. Warum ich ständig in der schmerzhaften Vergangenheit wühle, mich ständig dafür hasse, nicht so gehandelt zu haben, wie ich es mit meinem heutigen Wissen tun würde.

Deshalb versuche ich, mir die Orte mit den schönen Erinnerungen ins Gedächtnis zu holen. Es funktioniert. Ich sehe die Straße, auf der ich mit meinen Freunden lag. Unter mir der heiße Asphalt, in mir der Alkohol und über mir der Sternenhimmel. Wir redeten über das Universum und ich fühlte mich geborgen und glücklich.

Die Bank, auf der wir saßen, nachdem wir mit unserem letzten Geld Süßigkeiten gekauft hatten, und deshalb wunschlos glücklich waren.

Die Bar, die jede Woche zu platzen drohte, wenn wir kamen, weil wir viele waren und ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals Streit gab. Wir waren eine homogene Masse, die ständig gute Laune hatte. Und wenn ein Teil doch mal schlechte Laune hatte über alles redete und reden konnte.

Ich merke, wie sich alles in mir zusammenzieht, wie die guten Erinnerungen noch mehr schmerzen als die schlechten. Denn sie sind vorbei. Ich bin nicht in der Lage, selig auf sie zurückzublicken und sie aufzubewahren, wie in einem Fotoalbum, dass man manchmal herausholt, um glücklich darin zu blättern und danach wieder in einen Schrank stellt.

Während die Personen aus meinen Erinnerungen neue Erlebnisse sammeln, klammere ich mich an meinen alten fest, sie sind schon ganz verschlissen, weil ich ständig versuche, sie festzuhalten, obwohl sie sich immer weiter von mir entfernen. Ich zerstöre sie, weil ich sie nicht Erinnerungen sein lassen kann. Denn mir gelingt es nicht, neue zu sammeln.

Ich hasse meine Krankheit, sie hält mich gefangen und ich schaue dabei zu, wie mein normales Leben immer weiter in die Vergangenheit rückt. Ich fühle mich zurückgelassen.

 An der nächsten Haltestelle muss ich raus. Ich denke daran, wie sehr ich das Busfahren hasse und wie ich immer davon träumte und träume, in einer großen Stadt zu leben, die aufregenden Leute in der U-Bahn zu beobachten und an jeder Straßenecke das Leben zu spüren.

Ich helfe einer alten Frau beim aussteigen, atme die frische Luft ein und merke, wie ich langsam aus meinem Albtagtraum erwache.

 ,,Da hättet ihr mich mal fast wieder gehabt, ihr Wichser“, sage ich innerlich zu meinen inneren Kritikern und Ängsten.  

 Gerade ist nichts gut, es ist aber auch nicht alles schlecht. Und das ist in Ordnung, das gehört dazu. Ich versuche fest daran zu glauben, dass es irgendwann wieder andersherum sein wird. Dass nichts schlecht sein wird, aber auch nicht alles gut. Normal eben. Dass ich wieder in der Lage sein werde, schöne Erinnerungen zu sammeln, bei denen alles in mir anfängt zu strahlen, wenn ich sie ab und an in meinem imaginären Fotoalbum ansehe.

Und dass ich irgendwann einen Grund für all den Schmerz erkennen kann und froh und stolz sein werde, ihn durchlebt zu haben.

 Einer meiner inneren Kritiker setzt zum Reden an: ,,Aber…“

,,Halt die Fresse“, sage ich. ,,Das Leben ist schön“.  

 

2 Kommentare zu „Zehn Minuten

  1. Du hast Recht! Du wirst wieder in der Lage sein, schöne Momente zu sammeln! Ich drücke dir so sehr die Daumen, dass das nicht mehr weit in der Zukunft liegt! Als mich meine Angststörung übermannt hat, war ich auch sicher, dass es das nun gewesen sei. Das Leben. Dass ich nur noch heulend in meiner Wohnung existieren könnte. Aber es wurde besser und wird es immer und immer noch!

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