Ode an den Wahlsonntag

Heute durfte ich das erste Mal wählen. Man möge mich dafür belächeln oder für verrückt halten: aber dieser Tag ist tatsächlich etwas Besonderes für mich.

Allein der emotionale Mehrwert, der diesem Herbstsonntag innewohnt: es mag widersprüchlich erscheinen, doch für mich ist er ein Stückchen heile Welt, das aus der Vergangenheit übriggeblieben ist. Vielleicht, weil er an die Kindheit erinnert, vielleicht, weil es ein letztes Gefühl von Einheit ist, wenn die Straßen voll sind mit Menschen, die fast schon feierlich zu den Wahllokalen pilgern, um dort ihre Kreuze zu machen. Ganz altmodisch. Mit Stift und Papier.

Man begegnet Bekannten und Fremden, die sich alle aus demselben Grund eingefunden haben. Wegen einem Thema, über das man selten in aller Offenheit redet, weil es so persönlich ist, so kontrovers, und weil ein Gespräch darüber oftmals in Diskussionen endet oder man schräge Blicke für die eigenen Ansichten erntet.
Und auch wenn ich die Menschen in den Wahlkabinen aufgrund der aktuell gegebenen Parteienlandschaft heute etwas mit Skepsis beobachtet habe, erfüllte mich ein gutes Gefühl dabei – denn auch das ist Demokratie.

Aber vor allen Dingen fühlte ich, ohne allzu dramatisch klingen zu wollen, Ehrfurcht und Dankbarkeit. Ehrfurcht davor, Teil eines Systems zu sein, welches mich die Zukunft mitbestimmen lässt. Und Dankbarkeit für dieses Privileg, welches ich nur mit Glück, nämlich durch meine Geburt in diesem Land, erhalten durfte.

Für allgemeine, unmittelbare, freie, gleiche und geheime Wahlen haben unzählige unserer Vorfahren ihr Leben gelassen. Und auch heute noch leiden Millionen Menschen darunter, unter diktatorischen Verhältnissen zu leben. Einige bezahlen im Kampf für ihre Rechte mit ihrem Leben oder landen als politische Gefangene unter menschenunwürdigen Verhältnissen in Gefängnissen.

Und natürlich ist auch hierzulandw nicht alles perfekt, aber das hat ja auch niemand gesagt. Einige mögen mich für naiv halten. Ich halte es für naiv, Dinge wie Gewaltenteilung, Solidarität, Meinungsfreiheit oder Zugang zu kostenloser Bildung für selbstverständlich zu halten.

Und für all die Sachen, die noch nicht gut laufen, haben alle Wahlberechtigten die Möglichkeit, heute etwas dagegen zu unternehmen – auch wenn es vielen nicht so erscheinen mag.

Wie ich bereits am Anfang dieses Textes geschrieben habe, wird mich jetzt so manch einer für verrückt erklären. Weil ich einen ellenlangen Text schreibe, um ein Thema zu lobpreisen, für das es sich für einige nichteinmal lohnt, ihren Hintern vom Sofa zu bewegen.

Aber bei alldem Groll, der sich in letzter Zeit über die hiesige Politik breitmacht, kann es mit Sicherheit nicht schaden, auch mal positive darüber zuzulassen.

In diesem Sinne: noch einen schönen Wahlsonntag.

Ein Kommentar zu „Ode an den Wahlsonntag

  1. Ich kann dich total gut verstehen! 😀 In mir kommt auch mit jeder Wahl so eine tiefe, feierliche Stimmung auf. Wenn ich all die Menschen auf der Straße sehe, dann wirkt es fast, als sei unsere Demokratie allen im Lande so wichtig. Ein bisschen heile Welt, ja, wie du schon schreibst 🙂

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