Natur- und Wirtschaftswissenschaftler hassen diesen Text!11

Ich hasse diese Stadt. Ich hasse die Leute hier. Was nicht heißt, dass mein Hass begründet ist. Für mich ist es nur schwer hier, in einer Uni-Stadt, die von IT und Wirtschaftswissenschaften dominiert wird.

Nichts weckt mein Interesse. In den zwei Jahren hier habe ich auf dem Heimweg nie einen Umweg in Kauf genommen. Mit einer Mischung aus Unverständnis und Verachtung beobachte ich die Touristengruppen aus dem Fenster des Busses.

Ich hasse es, dass niemand mit mir in eine Bar gehen will, ich hasse es, dass ich mit niemandem in einen Club gehen will, weil es scheint, als fände das ganze Jahr eine Ibiza-Meets-Après-Ski-Party statt.

Ich hasse es, dass ich Freunde hier finde, wie Perlen am Strand, die aber bald wieder gehen, weil sie es hier genauso grässlich finden wie ich.

Ich hasse es, dass mich die Menschen hier allem Anschein nach für dumm halten, weil ich lieber Spanisch lerne als Java und weil ich niemandem täglich davon erzähle, wie anspruchsvoll meine Vorlesungen sind und bei welchem Super-duper-hyper-Startup-Cashcow-weiß-der-Teufel-Unternehmen ich mich bewerben will. Versteht mich nicht falsch. Ich habe eine große Achtung vor Menschen, deren Interessen und Fähigkeiten in solchen Themengebieten liegen.

Doch liegt darin vielleicht der Unterschied? Vorsicht, diese Behauptung widerspricht allen Prinzipien der empirischen Forschung; jedoch habe ich die Erfahrung gemacht, dass Mr. IT und Mrs. Wiwi oftmals weniger von ihren Mitmenschen halten als ihre Kommilitonen aus anderen Fakultäten. Auch wenn ich weiß, dass das Bullshit ist. Arschlöcher gibt es überall.

Ich hasse es, dass ich mich ständig rechtfertigen muss.

Fehl am Platz. Unbehagen. Nur noch zwei Semester.

Und dann gibt es Abende wie heute. Ich gehe zu einer schlecht besuchten Lesung. Zwei Stunden Behagen, Menschen, von denen ich mir einbilde, dass sie ein vertrauensvolles Gesicht haben, zwei Stunden ein Platz. Im Raum. In der Stadt.

Ich bin nicht weniger sozial ungeschickt als sonst, aber ich fühle mich so, als wäre es hier nicht so schlimm. Ich fühle mich, als hätte ich mich zusammen mit den wenigen anderen Besuchern zu einer Selbsthilfegruppe zusammengefunden. Ich lache, auf einmal ist die Stadt ein bisschen schöner.

An Abenden wie heute nehme ich einen kleinen Umweg in Kauf und sehe süße Cafés, die um diese Uhrzeit geschlossen haben, aber von denen ich mir fest vornehme, sie mal bei Tageslicht zu besuchen (was ich natürlich niemals machen werde). Ich denke darüber nach, dass die Leute, über die ich hier voller Boshaftigkeit schreibe, alles richtig machen. Sie wachsen in dieser Stadt, werden gefordert und gefördert, aber bevor ich hier den neuen Promo-Text für die hiesige Universität schreibe, füge ich hinzu, dass manche Menschen wohl nicht hergehören. Ich vermutlich.  Nichts inspiriert mich (gibt es ein Gegenteil von inspirieren?), außer die Schnipsel, die fremde Künstler aus fremden Städten hierherbringen.

Ich gehe nach Hause, schreibe diesen Blogeintrag, schaue danach genüsslich Frauentausch und fühle mich nicht schlecht dafür, weil mir einmal mehr klar wird, dass das Prinzip, dem ich folge, nämlich meinen vermeintlichen Intellekt niemandem unter die Nase reiben zu müssen, für mich persönlich doch aufgeht.

Ich hadere noch ein bisschen mit mir – frustriert mich diese Erkenntnis oder bin ich froh darüber, sie gewonnen zu haben? Bin ich unfassbar dumm, hier zu bleiben, oder tapfer, weil ich es durchziehe? Mir zuliebe entscheide ich mich für die beiden letzten Optionen und versuche, ein bisschen weniger zu hassen und glücklich darüber zu sein, mein persönliches Balsam für die Seele gefunden zu haben.

Ich bin einfach nur ein bisschen fehl am Platz. Nur noch zwei Semester. Und solange bleiben mir noch Abende wie heute.

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