Fuck you, Soul

It matters not how strait the gate,
How charged with punishments the scroll,
I am the master of my fate:
I am the captain of my soul.

– William Ernest Henley

Seit etwa zwei Wochen starren mich diese Zeilen aus dem Gedicht ,Invictous‘ von meinem Handy an. Und mir gefällt das Gedicht wirklich sehr. Doch einst als motivierender Sperrbildschirm gedacht, wurden sie mehr und mehr zu einem ständigen Vorwurf. Wann immer ich das Handy entsperre, um voller Furcht wichtige E-Mails zu empfangen, Körpersymptome zu googeln, oder nach Lebensmitteln zu suchen, die den Serotinspiegel erhöhen (oh man), musste ich einsehen: I am not the captain of my soul. Wenn dann is the soul my captain. Oder my dictator.

Ich bin derselbe Mensch, im selben Körper, der vor nicht mehr als drei Jahren noch vor Lebensfreude sprühte, die Welt bereisen wollte, immer mutig und schlagfertig war, und dafür belächelt wurde, mindestens zehn Mal am Tag ,,Das Leben ist schön!“ zu sagen.

Heute wandle ich durch meinen Alltag, es ist als wäre ich ständig im Stromsparmodus,  doch mein Akku ist trotzdem nach einer Stunde leer. Mindestens zehn mal am Tag schleicht sich der Gedanke ,,Ich hasse mein Leben“ in meinen Kopf und bei jeder Gelegenheit durchzieht mich ein ekliger Schmerz. Und den findet meine Seele in allem. Wenn ich ein glückliches Familienfoto sehe, spielt sich vor meinem inneren Auge der Moment nach der Aufnahme ab, ich sehe wie die Mundwinkel nach dem ,,Cheese!“ wieder nach unten gehen. Wenn ich alte Omas sehe, die fröhlich gemeinsam einkaufen gehen, tun sie mir Leid: ist das alles, was ihnen noch Freude bereitet (selbst wenn? ist doch schön)? Wenn ich eine gestresste Mutter mit Kinderwagen sehe, denke ich an den Schmerz, den die Frau wohl beim Alleingelassenwerden gefühlt haben muss und wie niemand sieht, wie viel Last sie auf sich trägt.

Ohne zu wissen, ob diese Familie auf dem Foto tatsächlich Happy Family ist, die Omas beim Einkaufen anschließend ins Reisebüro gehen, um ihre Kreuzfahrt zu buchen oder die Mutter nur so unter Zeitdruck steht, weil daheim ihr Macker wartet, der liebevoll für sie gekocht hat – ich spüre diesen Schmerz.

Und ich spüre meinen Schmerz. Und den Schmerz der anderen. All den realen Schmerz.

Wie gesagt, ich bin immer noch derselbe Mensch in derselben Welt, im Großen und Ganzen auch noch mit denselben Lebensumständen, und falls sich jene zum schlechteren entwickelt haben sollten, dann nur wegen meiner besagten Seele.

Ich sehe die Welt bloß anders.

Und man liest es in jedem Buch, man hört es von jedem Arzt: die Krankheit will dir etwas sagen. Die Panik ist ein Liebesdienst deiner Psyche. Sie sagt dir, wenn du zu viel Stress hast, wenn du dich übernimmst. Ha!

Liebe Angst, wie soll ich mich übernehmen, wenn ich es nichtmal mehr hinkriege, mit irgendetwas anzufangen? Wenn das einzige, für das ich meine wenige Energie aufbringe ist, mich täglich mit dir zu konfrontieren? Liebe Seele: Vielleicht brauche ich das ja, diese Leidenschaft, Nächte lang an etwas zu arbeiten, für das ich brenne. Das erfüllt(e) mich am meisten. Und das nimmst du mir. Wer bist du überhaupt? Sollten wir nicht irgendwie auch dasselbe wollen?

Das ist alles kein Liebesdienst. Das ist eine Krankheit. Die Angst nimmt mir, was ich mag. Und all das Unerfüllte in mir, das übrig bleibt, füllt die Depression. Und es gibt kaum einen Moment, in dem ich mich davon erholen kann. Es ist, als würde der Schmerz sich mit sich selbst multiplizieren. Und ich will einfach nur Stop schreien.

Heute ist ein schlechter Tag. Morgen vielleicht ein guter. Und irgendwann wird alles wieder einigermaßen gut sein.

Vielleicht werde ich auch mal sagen: ohja, die schlimmste Zeit meines Lebens, die mich in eine einzige Existenzkrise gestürzt und meine gesamte Zukunft bedroht hat, war wirklich ein wahrer Liebesdienst meiner Psyche!

Aber bis dahin sage ich nur: Fuck you, Soul.

Being at her worst
Not able to breath
An indeterminable feel of thirst
The seething soreness underneath
Neither a fancier who watched her
Nor some inner strength to ease the pain

My hero was my doctor
And 20mg Escitalopram

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