Von Therapiezielen

Als ich vor zwei Jahren zum ersten Mal die psychotherapeutische Ambulanz der städtischen Uniklinik betrat, dachte ich: endlich! Ein paar Gespräche. Und dann bin ich wieder ganz die Alte. So schnell wie die Krankheit kam, wird sie ja auch wohl wieder verschwinden. Nix da. Langzeittherapie.

Und selbst diese neigt sich, langsam aber sicher, dem Ende zu. Ob ich meine Ziele erreicht habe, kann ich nicht sagen, denn zu Beginn der Therapie hatte ich komplett andere als jetzt. Die ganze Vorstellung, die ich von mir selbst hatte, war eine andere.

Damals wusste ich nicht, was mir noch bevorstehen würde. Dass die Panikattacken nur die Spitze des Eisberges waren. Dass ich, obwohl ich es mir lange nicht eingestehen wollte, sehr verletzt war. Sehr verletzlich bin. Und es daher umso mehr weh tat, in alten, schlecht verheilten Wunden zu bohren, bis das Blut nur so spritzte und ich kurz davor war, das Bewusstsein (den Verstand) zu verlieren. Welche inneren Dämonen, die ich nicht einmal als solche erkannte, mich täglich drangsalier(t)en. Du bist nichts wert und du wirst es nie sein! Und ich dachte jahrelang, sie sagten die Wahrheit.

Gerade verlief der Therapieweg auf jeden Fall nicht. Von Ich würde Ihnen raten, keine Medikamente zu nehmen über Escitalopram, Venlafaxin, Tavor, Kotzen, Weinen bis hin zu Wenn das so weitergeht, bleibt Ihnen nur die Klinik. Aber ich habe es geschafft, ohne Klinik. Auch wenn es ein bisschen eitel und dumm ist, sich dagegen zu sträuben. Aber bis jetzt scheint es ja auch ohne zu funktionieren.

Ich habe gelernt, dass es keine unberechtigten Gefühle gibt. Dass ich sie nur zu wenig beachte. Mich zu wenig achte. Dass muss ich wohl noch am meisten lernen – Zugang zu meinen Gefühlen zu bekommen. Mich fragen zu können: Was tut mir gut? Was will ich und was brauche ich? Und was tue ich nur, weil es die gemütlichste Option von allen ist? Weil ich es im Moment will? Schade ich mir damit selbst?

Und das Allerwichtigste: ich weiß jetzt, dass ich die Summe von all meinen Eigenschaften bin. Ich bin nicht nur das Schlechte. Ich muss nicht die Beste in allem sein, damit ich etwas wert bin. Und wenn ich mal etwas nicht auf die Reihe kriege, dann bin ich immer noch etwas wert.

Ich bin das Mädchen, dass schon in der Grundschule das ,,Träumerchen“ war. Und ich bin die, die trotzdem nie Probleme hatte, Freunde zu finden. Ich bin manchmal ganz laut, zu laut. Und manchmal bin ich viel zu leise, wenn es darum geht, zu mir selbst ehrlich zu sein. Ich bin die, mit der man Abende lang über pseudointellektuelles Zeug reden kann. Und die Blondine, die um zehn Uhr schon betrunken ist und sich vor allen blamiert. Ich bin die, die sich vor lauter Weltschmerz Muster in die Haut schnitt. Und die, die morgens auf dem Weg zur Arbeit anhält, um den Sonnenaufgang zu fotografieren. Weil die Welt, das Leben, so schön ist.

Es kommt nur darauf an, wo man gerade steht, im Leben. Aber nichts ist absolut. Es gibt etwas zwischen ,,für immer“ und ,,nie wieder“.

Und wenn ich dann das letzte Mal die psychotherapeutische Ambulanz der städtischen Uniklinik betrete, dann danke ich (irgendeinem) Gott. Dafür, dass ich nicht wieder ganz die Alte bin.

6 Kommentare zu „Von Therapiezielen

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