Ein viel zu langer Text

Viele meiner Freunde nehmen Drogen, also chemische Drogen. Ich nicht. Grund dafür ist beispielsweise, dass ich die Erfahrung machen musste (was im zarten Alter von vierzehn Jahren nicht ganz so verwunderlich ist), nicht mal einen Joint zu vertragen, ohne Panikattacken zu bekommen. So kam es, dass ich mich lieber den legalen Drogen, also Alkohol und Nikotin zuwandte, und bis auf eine Fingerspitze Koks auf meinem Zahnfleisch meine Schleimhäute von verbotener Chemie verschont blieben.

Zudem lieferten mir all die Freunde, die mich von einem MDMA-Trip überzeugen wollten, unwissentlich das beste Argument dagegen: ,,Das ist einfach das beste Gefühl! Das kannst du gar nicht beschreiben! Alle deine Glückshormone werden auf einmal ausgeschüttet!“

Das Gespräch ist schnell beendet, wenn ich darauf aufmerksam mache, dass mich genau das aufgrund meiner Antidepressivaeinnahme sabbernd und krampfend an einem Serotonin-Syndrom verrecken lassen könnte.

Aber das ist es nicht. Viel mehr finde ich es einen schrecklich abstoßenden Gedanken, den schönsten Moment meines Lebens durch eine Drogenindikation zu erlangen. Kein Kuss im Regen. Keine Geburt. Keine erfolgreiche Besteigung des Mount Everest.

Nur eine pinke Pille mit einer Mercedes-Prägung auf einem versifften Rave in einem Keller.

Davon will ich meinen Enkeln bestimmt nicht erzählen.

Letztens habe ich darüber nachgedacht, ob ich vielleicht deshalb nicht mehr wirklich lieben kann. Also, ob eine Depression sozusagen das Gegenteil eines Emma-Trips ist.

Denn was ist schon der schlimmste Liebeskummer der Welt, gegen einen Zustand, in dem man gar keine Glückshormone mehr hat (ohne fundierte biochemische Kenntnisse zu besitzen, möchte ich behaupten, dass ich den Vergleich habe).

Und was ist schon eine Liebe, die man verliert, wenn der Verlust nur eine weitere Kerbe in dem Holz ist, das sich meine Seele nennt, wo ich doch weiß, wie es sich anfühlt, wenn es mit immerwährenden Axtschlägen langsam, aber qualvoll, entzweit wird.

Jammern auf hohem Niveau? Nein. Denn auch wenn ich es nicht zugebe, bin ich hoffnungslos romantisch, wenn auch auf meine eigene Art. Ich will etwas haben, was Bedeutung hat. Und das ist eigentlich gar nicht viel, aber doch alles. Ich will nur jemandem, in dessen Armen ich mich daheim fühlen kann. Kein Job, kein gutes Aussehen, nichts. Aber ich will jemanden, bei dem ich weiß, dass es mir den Boden unter den Füßen wegreißen würde, wenn er geht. Bei dem ich weiß, dass ich alles verlieren würde, wenn er geht, dass ich danach obdachlos wäre, auch wenn ich zur gleichen Zeit in der prunkvollsten Villa der Welt hausen würde.

Das klingt ganz und gar nicht gesund, ich weiß das. Aber ich kann gar nicht anders lieben. Und ich will auch nicht anders lieben.

Ich mache viele Kompromisse, selbst bei meinem Liebhaber, aber nicht beim Lieben.

Ich erzähle meinen Freunden, dass ich es schrecklich finde, den schönsten Moment des Lebens durch eine mutwillig herbeigeführte chemische Reaktion zu erleben.

,,Nein“, sagen sie. ,,Man merkt schon den Unterschied. Das kommt nicht, keine Ahnung, ans erste Verliebtsein ran, oder so, das ist was anderes.“

Und ich hoffe, dass es stimmt. Dass ich eines Tages wieder so etwas Intensives spüren darf, dessen Verlust schlimmer sein kann, als der des Lebenswillens.

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