Einer dieser Tage

Es ist einer dieser Tage, in denen ich nicht bei mir bin. Meine Gedanken schweben sanft, kaum sichtbar, in meinem Kopf, genau wie der schwüle Dunst über der Stadt, von dem ich nicht genau weiß, woher er kommt.

Da ist dieser Mann am Bahnhof, gestriegelt steht er da, in einem admiralsblauen Anzug, neben ihm die lederne Aktentasche, so als sei er gerade einer Männerzeitschrift entsprungen. In der Hand hält er eine Flasche Bier, die in seiner Hand wie ein cooles modisches Accessoire wirkt, obwohl wir erst Nachmittag haben. Ich gehe weiter und da sitzt ein Mann wie viele, in Arbeitshosen und mit wirrem Haar, dasselbe Bier in der Hand, von derselben Marke, nur bei ihm wirkt es nicht, als hätte er an Coolness gewonnen, sondern spendet eine Aura des Verlusts der Selbstachtung. Ich rüge meine Gedanken für ihren Gang in eine Richtung, die ich nicht mag, auch wenn ich weiß, dass sie eigentlich nichts dafür können. Wir Menschen sind seltsam.

Dann ist da dieses Teeniepaar an der Ampel, eng umschlungen steht es da, es erinnert mich an mein altes Ich, das sich immer die Frage stellte, warum man nicht einfach zusammensein kann, wenn man sich liebt, was soll dieses Drama drumherum denn bitte immer? Heute weiß ich, dass das Gehirn (richtig, nicht das Herz, das Gehirn) ein ganz eigenes, empfindliches Universum ist, dessen Ordnung von dem kleinsten Schmerz zum Chaos werden kann. Ich frage mich trotzdem noch, warum Lieben so schwer ist, aber die Wissenschaftler streiten sich ja auch noch über den Urknall. Alles so seltsam.

Dann läuft eine Frau an mir vorbei, sie trägt starkes Parfüm, davon bekomme ich immer Kopfschmerzen, doch als sie weiterläuft, riecht es eigentlich ganz angenehm. So ist es auch mit den Menschen, denke ich, entweder man haut früh genug ab, weil sie abstoßend sind, oder man bleibt so lange, bis man gar nichts mehr empfindet. Aber wenn sie gehen, sieht man sie immer anders als vorher, denn ein Verlust zeigt ein jedes Lebewesen aus einem neuen Blickwinkel, der erahnen lässt, was sie wirklich ausmacht. Ich bin seltsam.

Und jetzt sitze ich hier, fühle eine perverse Art der Entspannung, die von diesen niederdrückenden Gedanken ausgeht. Aber sie drücken meinen Kopf nicht unter Wasser, sondern mich in meine Seelenwelt. Es ist wie die Geborgenheit im Bett, die man an einem Regentag verspürt, obwohl alles so grau und kalt und trist ist.

Das alles ist meine Melancholie, diese sanfte, tröstende Melancholie, die mich immer begleiten wird. Und ich habe nichts dagegen.

3 Kommentare zu „Einer dieser Tage

  1. Das ist ein sehr schön geschriebener Text, der viel von Dir erzählt, wie fein Du beobachtest, was Deine Beobachtungen für Gedankenreisen auslösen, wie sehr Du Dich selbst hinterfragst. Und, dass es für all das nur kleinste Alltagsanstöße braucht.

    Seltsam bist Du nach meinem Empfinden nicht und auch nicht „nicht bei Dir“ – Im Gegenteil, Du schreibst sehr reflektiert und sensibel zugleich.

    Wenn Du das auch bist, dann bist Du nicht seltsam, sondern wertvoll.

    Viele freundliche und liebe Grüße an Dich!

    Gefällt 2 Personen

      1. Ich habe hier vorhin schon ein bisschen gestöbert auf Deiner Seite. ALLES was ich bislang von Dir gelesen habe, war interessant, hat mich zu eigenem Nachdenken angeregt. Teilweise habe ich mich auch in Deinen Gedanken, Empfindungen, Überlegungen wiedergefunden. –

        Wenn Du jetzt einwenden wolltest, dass doch nicht nur „schöne“ Themen und Anlässe Dich zum Schreiben bewegen, dann macht das für mich nichts aus. Denn bei meiner Schreiberei ist es ganz ebenso. Ich verstehe also …

        Noch einmal liebe Grüße!

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