Die höchste Form von Freiheit

Seit nun etwa einem Jahr ist es vorbei. Die dienstäglichen Fahrten zu meiner Therapeutin sind nun Teil der Vergangenheit. So vieles ist nun Teil der Vergangenheit.

Wer hätte es gedacht: Ich habe immer noch Probleme. Und ich bin unfassbar dankbar für diese Probleme, denn es sind allesamt welche, die ich mir selbst ausgesucht habe. Um diese Dankbarkeit, diese Freiheit zu verspüren, musste ich erst durch einen Sumpf aus Hindernissen waten, für die ich zum Großteil tatsächlich nicht selbst etwas konnte. Vielleicht mag man denken, dass es dies leichter macht, weil ich schließlich keine Schuld daran trug. Aber das Gegenteil war der Fall, denn ich fühlte mich ihnen hilflos ausgesetzt.

Ob es meine Gene waren, oder die Dinge, die schief gelaufen sind, als ich jünger war, meine anerzogenen Ängste oder meine Bindungsstörungen durch die Verletzungen Anderer. Sie schlummerten irgendwo, um schließlich zu eskalieren. Ich grüble nun über einen passenden Vergleich, doch das Gefühl lässt sich nicht beschreiben, dennoch bin ich mir sicher, dass leider allzu viele Menschen wissen, von was ich rede.

Eine Mischung aus Inferno und Schneesturm, aus Dürre und Ertrinken, aus einem Knall, so laut, dass er in den Ohren schmerzt und einer Stille, die an der Existenz zweifeln lässt. All das war da. Und auch meine Vergangenheit ist noch da. Aber, sie ist jetzt meine Vergangenheit. Und nicht mehr mein Problem.

Und all das, weil ich ertragen und gewartet habe. Zwar voller Ungeduld (und kurz vorm Abnippeln), aber ich habe es geschafft.

Und jetzt bin ich frei und stark. Meine Probleme suche ich mir selber aus. Dass ich gestern nichts mehr für meine Bachelorarbeit getan habe. Aber nicht, weil mich eine unsichtbare Klaue an das Bett krallt, sondern weil ich einen lustigen Abend mit einer Freundin verbracht habe, voller ehrlichem Lachen.

Dass ich mich mit einem Mann treffe, von dem ich schon genau weiß, wann er mich (spätestens) verlässt. Aber das ist meine Entscheidung. Viel schlimmer ist es, das weiß ich jetzt, gar nichts zu fühlen.

Dass ich gerade echt pleite bin, aber nicht, weil ich es nicht auf die Reihe bekommen habe, einen Nebenjob zu suchen, weil schon fast das Atmen zu viel verlangt ist. Sondern, weil ich mir eine Gitarre, einen Vertrag im Fitnessstudio und viele neue Bücher gekauft habe. Weil ich wieder Kraft habe, Dinge zu tun, die mir Freude bereiten.

Das Leben ist SO UNFASSBAR SCHÖN. Und ich Liebe dieses Gefühl der Ausgewogenheit. Eine stetige Zufriedenheit mit der nötigen Brise Melancholie, die mich die Dinge hinterfragen lässt. Und dazwischen blitzen Momente von Glück und Traurigkeit auf, die das Leben interessant machen. Mein Leben.

Ich bin immer noch traurig und ich habe immer noch Angst. Aber ich bin nicht mehr hilflos.

Nichts trocknet so schnell wie dein Gesicht wenn du weinst
Nichts ist so trocken wie mein Hals wenn du weinst
Es existiert nicht mehr
Du singst Yipi, ya, yeah
Es geht vorbei
Ich sing Yipi, yipi, yeah

        Bosse – Yipi

Ein Kommentar zu „Die höchste Form von Freiheit

  1. Ich kam her. Ich las. ….

    Und nun bin ich einfach nur sehr, sehr beeindruckt! Du hast Meilenstiefelschritte getan! Meinen Respekt und meinen Glückwunsch, ruby – ganz aufrichtig!

    Liebe Grüße!

    Liken

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