Wie es ist, wenn der Kopf brennt

Das wird ein langer Blogbeitrag

Ich stehe mit meinem Kumpel vor der städtischen Psychiatrie. ,,Ich weiß nicht, ob ich da jetzt rein will“, sage ich. ,,Musst du wissen, aber es hilft“, sagt er. Und ich frage mich, wie es so weit kommen konnte.

Mir ging es gut in letzter Zeit. Ich habe meine Medikamente vor etwa zwei Monaten abgesetzt. Ich sitze an der Kasse beim Arbeiten, bin seit 18 Stunden wach, trinke mein fünftes Red Bull. Auf einmal knallt es in meinem Kopf. Ein Kurzschluss, eine Sicherung ist durchgebrannt. Mein Herz rast, ich schwitze, alles wird unwirklich. Panikattacke eben. Aber irgendwas ist anders. Ich frage, ob ich kurz rausgehen kann.
Meine Gedanken rasen. Wie Ferraris auf dem Nürburgring, so laut, so schnell, dass man sie nicht fassen kann. Ich schreibe einem Freund. ,,Bitte lass uns ein Bier trinken, mir gehts so scheiße.“ Nach Ladenschluss um 22 Uhr fahre ich nach Hause. Versuche es. Auf der Hälfte der etwa zehn Kilometer langen Strecke schreibe ich noch einmal meinem Freund. ,,Ich schaff das nicht, ich hab so Angst, bitte komm hierher.“
Fünf Minuten später sitzen wir auf einem Dorfplatz und trinken Bier, ich zittere noch immer, obwohl es eine heiße Sommernacht ist. ,,Wovor hast du denn solche Angst?“, fragt er. ,,Ich weiß nicht. Ich hab Angst verrückt zu werden.“
Wir fahren gemeinsam nach Hause. Auf dem Tisch steht noch immer mein Laptop, auf dem mehrere Bewerbungen darauf warten, geschrieben zu werden, ein Motivationsvideo will geschnitten werden. Neben dem Laptop liegen lose Zettel, die Fragmente meiner Bachelorarbeit sind und schauen mich mahnend an – bring. mich. zu. Ende. Nichtsnutz.
Die Panik steigt wieder in mir auf. Der Freund nimmt mich in den Arm. ,,Versuch zu schlafen.“
,,Aber ich habe Angst, aufzuwachen.“
,,Morgen ist alles besser.“

Als ich am nächsten Morgen aufwache, bin ich verwundert. Ich blinzle in die Sonne. Ich lebe noch. Ich fühle mich wie eine Schiffbrüchige, die an einen ruhigen, paradiesischen Strand geschwemmt wurde.
Aber irgendwas ist anders. Ich bin fragil. Ein Kartenhaus. Und ich habe Angst vor jedem Windhauch, der mich umzupusten droht. Trotzdem gehe ich weiter arbeiten. Trotzdem schreibe ich weiter Bewerbungen. Trotzdem schreibe ich weiter meine Bachelorarbeit. Dabei hätte ich Zeit. Wie viele Menschen kenne ich, die erstmal auf Reisen gehen, wenn sie fertig mit dem Studieren sind. Die sich selbst finden wollen.
Vielleicht ist es genau das, wovor ich Angst habe.
Ich unternehme in diesen Tagen viel mit Freunden, versuche mich abzulenken. Aber ich weiß, dass immer noch etwas gar nicht stimmt. Ich bin ein Kartenhaus. Ich fühle ein Unbehagen in mir, dass jede Sekunde auszubrechen droht und mir eine furchtbare Angst macht. Meine Gefühle machen mir Angst.

Nach drei Tagen halte ich es nicht mehr aus. Ich rufe meine Freunde an. Einer steht zehn Minuten später vor der Tür. Es ist sechzehn Uhr, ein Sonntag, aber ich habe gerade in zehn Minuten eine Flasche Wein getrunken. ,,Ich halte es nicht mehr aus“, sage ich, und fange endlich bitterlich an zu weinen. Er nimmt mich in den Arm. Und ich weine weiter. Erst schluchzend, japsend, irgendwann lautlos, meine Tränen laufen einfach aus mir heraus. ,,Geh mal duschen, das tut dir gut“, sagt er. Und obwohl er sonst keine Möglichkeit auslässt, mich zu necken, weiß ich, dass er gerade wirklich besorgt ist. Ich muss so elend aussehen, wie ich mich fühle.
Doch wie fühle ich mich überhaupt? Ich weiß es nicht. Es ist einfach so, als hätte jemand die Hebel der Gefühle Trauer und Angst auf das Maximum geschoben. Und nun sitze ich hier und halte es aus. Oder auch eben nicht.
,,Ich muss ins Krankenhaus.“ Und wir fahren ins Krankenhaus. Ich habe eine Flasche Bier mit auf den Weg genommen. Ich habe Angst, dass ich den Weg nicht schaffe, durchdrehe.

Und dann stehe ich mit meinem Kumpel vor der städtischen Psychiatrie. ,,Ich weiß nicht, ob ich da jetzt rein will“, sage ich. ,,Musst du wissen, aber es hilft“, sagt er. Insgeheim weiß ich, wie es so weit kommen konnte.
Man muss nicht immer stark sein, es muss nicht immer alles schnell gehen und es muss auch nicht immer alles perfekt sein. Man muss sich eingestehen, (wieder) schwach zu sein. Man muss sich eingestehen, dass man seine Medikamente vielleicht doch zu früh abgesetzt hat.
Der diensthabende Psychiater führt ein Gespräch mit mir. ,,Sie waren ja in Therapie, Sie wissen ja jetzt, was Sie zu tun haben.“ Dann holt er mir ein halbes Gramm Tavor. Während er weg ist, kommt eine verwirrte Frau in das Arztzimmer. ,,Bist du neu hier?“
,,Nein, ich bin nur kurz hier.“ Obwohl ich eigentlich gern bleiben würde.
Die Situation ist so fucking absurd. Ich habe den Arzt regelrecht angebettelt, in der fucking Psychiatrie bleiben zu dürfen. Wenigstens eine Nacht. Wenigstens eine Nacht atmen, Sicherheit. ,,Wenn Sie jetzt hier bleiben, dann hilft das kurz, aber im Endeffekt macht es alles nur schlimmer.“ Ich sage ihm, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass ich mich noch schlimmer fühlen könnte. Aber er weiß es vermutlich besser. Ich frage ihn, ob ich bleiben kann, bis das Lorazepam wirkt. Ich hatte bis dato nie Tavor genommen, weil ich – welch Ironie – Angst vor der Wirkung hatte. Nachdem die halbe Tablette keine Wirkung zeigt, gibt er mir noch die andere Hälfte und entlässt mich tavorisiert in die Nacht.

Die nächsten Tage quartiere ich mich bei meinem Onkel ein, um nicht alleine zu sein. Entgegen des Rats des Arztes lasse ich mich krankschreiben, was richtig ist. Ich mache einen Ärztemarathon von Hausarzt zu Psychiater zu Hausarzt, bekomme viele Medikamente, starke Medikamente, viel Verständnis, starke Worte. Ich bin nicht alleine. Mir kann geholfen werden. Die Wochen, die kommen, sind hart. Doch auch ich werde langsam wieder härter, widerstandsfähiger. Ich gehe mit Freunden oft in den Wildpark, ich kaufe mir Puzzles, beschäftige mich stundenlang mit einem Magic Cube, rühre keinen Schluck Alkohol an. Hin und wieder besuchen mich Dämonen und ich fühle mich sehr traurig und ängstlich, es ist schrecklich. Aber es ist im aushaltbaren Rahmen.

Der kurze Psychiatriebesuch, der mir gezeigt hat, dass ich zwar gestört bin, aber wohl noch nicht gestört genug für eine stationäre Aufnahme, liegt nun etwa zwei Monate zurück. Etwa vier Wochen nach dem Zusammenbruch, nachdem ich endlich mal eine Pause gemacht habe, hat sich wie durch ein Wunder alles geklärt. Die letzten Absätze meiner Bachelorarbeit haben sich wie von selbst geschrieben, ich habe eine Zusage für meinen Traumjob bekommen, in dem ich nun schon seit einem Monat arbeite. Und ich bin so zufrieden. Niemand ahnt, was war. Ich kann es selber kaum glauben, dass ich all das gefühlt, durchgemacht habe. Ich genieße mein Leben, aber ich bin wachsam. Ich weiß, dass ich dieses Zündholz in mir habe, das bei zu viel Reibung meine Synapsen explodieren lässt. Aber ich lebe.
Und das Leben ist schön.

2 Kommentare zu „Wie es ist, wenn der Kopf brennt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s